Stiftung für Romantikforschung
Publikationen
Die Kunst des inneren Sinns.
Mythisierung der inneren und äußeren Natur im Werk Karoline von Günderrodes.

(Helga Dormann)

Karoline von Günderrodes kurzes Leben (1780-18606) kann als bekannt vorausgesetzt werden, auch ihre Dichtungen dürften sicherlich nicht mehr nur einem Kreis von Spezialisten vertraut sein. Seit 1990 liegt ihr schmales Oeuvre in einer von Walter Morgenthaler herausgegebenen historisch-kritischen Ausgabe vor. Die Korrespondenz mit Friedrich Creuzer ist wieder zugänglich und eine umfangreiche Zusammenstellung aus verschiedenen Briefwechseln wurde 1992 veröffentlicht. Das gewachsene Interesse an der Dichterin, die zunehmend der Romantik zugerechnet wird, dokumentiert sich nicht zuletzt in einer von Hannelore Schlaffer besorgten Werkauswahl und einer 1998 erschienenen Biographie. Um 1800 produzieren Schriftstellerinnen gewöhnlich Romane und Lyrik, Günderrodes Werk hingegen umfasst mehrere Gattungen: sie schreibt Dramen, Kurzprosa und Lyrik.

Dabei stehen Günderodes mythologische Dichtungen in keinem offensichtlichen Bezug zu einer "Mythologie der Vernunft" - dem Postulat des ältesten Systemprogramms. Trotz gewisser lehrhafter Züge intendiert ihre Poesie weder eine politische noch eine dezidiert ästhetische Erziehung des Lesers. Sie ist nicht geschichtsphilosophisch begründet. Einer solchen Konzeption widerspricht die Idee der Selbstbildung, die gerade nicht ihr Ziel in der Veredelung der triebhaften Natur des Menschen besitzt, sondern in der vollkommenen Entfaltung des inneren Sinns, der an keine ethische Vorgabe gebunden ist.