Stiftung für Romantikforschung
Publikationen
Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik
(Hrsg. von Alexander von Bormann)

Für die Frage nach den Aneignungslinien und zeitlichen Verwerfungen innerhalb der europäischen Romantik ist zunächst der weite Begriff von Romantik interessant: romantische Kultur als die christliche Kultur der modernen europäischen Staaten seit dem Mittelalter. Man kann auch (im Hinblick auf die heutige Europa-Diskussion) pointieren: Verbindende Aufklärungskritik setzt Aufklärung als gemeinsame historisch-kulturelle Station voraus. Bei August Wilhelm Schlegel galten Dante, Petrarca, Boccaccio, Tasso, Shakespeare, Milton, Calderon, Rousseau, Fielding neben Klopstock, Lessing, Goethe als Autoren der europäischen Romantik, was zwar eine Begriffsklärung nicht einfacher macht, aber den Impuls verstärkt, Romantik als ein europäisches Phänomen zu sehen. Romantik meint entsprechend kulturhistorisch die Grundlage und mentale Bereitschaft für jenes globale Bild der Welt, das den Möglichkeiten der technisch-industriellen Revolution entsprach. So genommen, wird nicht nur die Karriere des Begriffs verständlich, der eben mehr anzeigte als ein Gegenkonzept, eine Abgrenzung, sondern es wird auch deutlich, dass 'Romantik' unterfordert ist, wenn sie nur als Epochenmarke Verwendung findet. Ihr Zusammenhang mit der Entwicklung von Nationalstaaten und entsprechenden Nationalkulturen hat dafür gesorgt, dass sie in fast allen Ländern je zeitverschoben auftauchte. Das umfasst etwa einen Zeitraum von hundert Jahren, grob gerechnet von 1780 (Frankreich, Deutschland) bis etwa 1880 (Holland, Russland, Griechenland), und man kann diese Auftritte der Romantik noch verwirrender machen, wenn man die Neuromantik als Begriff und historische Erscheinung hinzunimmt. Nach solchen Ungleichzeitigkeiten zu fragen, heißt die Bedingungen von Romantik genauer aufzunehmen, wenn möglich in jenem Fächer von Diskursen, welche die Romantik selber der Frage nach ihrem Selbstverständnis und Programm zugetragen hat. Das gelegentlich emphatische, oft auch sehr kritische Verhältnis 'der' Romantik zur Moderne geräte so auch genauer in den Blick.


Inhalt:
Heinz Brüggemann: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Universalität und Differenz als Gegenstand eines - frühromantischen - Denkens im poetischen Medium. - Evi Petropoulou: Griechische und deutsche Romantik. - Danae Coulmas: Hellenismus als Kulturleistung. Altgriechisches Erbe als Kristallisationselement des neuzeitlichen Kulturverständnisses. - Olga Laskaridou: Deutsche Romantik in Griechenland. Am Beispiel der Rezeption Heinrich von Kleists. - Katherina Mitralexi: Weibliche Autoren der griechischen Romantik. - Willi Benning: Zwischen Klassizismus und Romantik in Griechenland: das erhabene Objekt bei Andreas Kalvos. - Nikolaos-Komnenos Hlepas: Ein romantisches Abenteuer? Nationale Revolution, moderne Staatlichkeit und bayerische Monarchie in Griechenland. - Dian Schefold: Konstitutionelle Monarchie als Staatsform der Romantik? - Ulrich von Heinz: Wilhelm von Humboldt. Ein klassizistisch-romantischer Aufklärer. - Wilhelm Solms: Grimms Märchen, ein Werk der Romantik? - Sabine Lichtenstein: Das romantische Lied. - Martin Schwab: Balladen und Romanzen der Romantik. - Frauke May/Stephan Seebass: Lieder der Romantik. - Stephan Seebass: Klaviermusik der europäischen Romantik. - Alexander von Bormann: Polemische Idyllen: Der romantische Taugenichts. Poetische Adoleszenz in Deutschland, Russland, den Niederlanden und Amerika. - Günter Oesterle: »Das Bild des Kaisers« Napoleon - eine Novelle von Wilhelm Hauff. Europäische Mythenbildung und Intermedialität. - Wilhelm Solms: Die »schöne Zigeunerin« der Romantik und ihre hässliche Umgebung. - Karl Heinz Götze: Ungleichzeitigkeiten der Liebe in der deutschen und französischen Romantik. Drei Stichproben um 1800, um 1820 und um 1835. - Reinhard Urbach: Romantische Theorie und politische Praxis in Österreich zwischen Restauration und Ständestaat. - Wendelin Schmidt-Dengler: »Über alle Vergleichung erhaben«: Euripides, Racine und Schlegel, gebrochen durch Heinrich Joseph von Collin. - Henry Meyric Hughes: The Oft Disconcerting Future of Romantic Art.