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Friedrich Schiller und der Weg in die Moderne (Hrsg. von Walter Hinderer)
Der deutsche Shakespeare, wie Friedrich Schiller zuweilen in positiver, zuweilen in negativer Konnotation genannt wurde, war nicht nur einer der vielseitigsten deutschen Dramatiker, sondern auch ein früher Repräsentant des modernen Intellektuellen. Nicht von ungefähr lieferte er mit seinem Essay »Ueber naive und sentimentalische Dichtkunst« Zugänge zu einer Ästhetik der Moderne, welche den theoretischen Diskurs von den Frühromantikern bis zur Gegenwart beeinflusst haben. Lange vor Walter Benjamin und Bertolt Brecht argumentierte Schiller, dass der Dichter mit seinem Zeitalter fortschreiten und »sich alle Vorzüge und Erwerbungen desselben zueigen« machen müsse. Mit anderen Worten: der Dichter soll in seiner Produktion den Stand des intellektuellen und wissenschaftlichen Diskurses seiner Zeit reflektieren. Zu Beginn des technischen Zeitalters geht Schiller nicht den Weg Rousseaus zurück zur Natur, sondern er versucht über eine anthropologische Ästhetik Lösungsmöglichkeiten anzudeuten. Angesichts der fortschreitenden Fragmentarisierung unserer Geisteskräfte, die nach Schiller »der erweiterte Kreis des Wissens und die Absonderung der Berufsgeschäfte notwendig macht«, kommt der Dichtung eine besondere Funktion zu: der Ausgleich der Defizite und die Wiederherstellung aller unterdrückten Fähigkeiten. Ausschließlich Kunst vermag ihm zufolge »die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung« zu bringen. Schiller analysiert die Syndrome der Zeit, die Trennung von Staat und Kirche, Gesetzen und Sitten, Genuss und Arbeit, Mittel und Zweck, Anstrengung und Belohnung, und beschreibt die Entzauberung der modernen Welt, die Selbstentfremdung des Menschen bereits folgendermaßen: Der Mensch selbst »bildet sich [...] nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens«. Auf diese Weise wurde seiner Ansicht nach das »Bild der Gattung« zerstückelt und man muss »von Individuum zu Individuum herumfragen [...], um die Totalität der Gattung zusammenzulesen«. Schillers Reflexionen gehören zweifelsohne zu den »Sattelzeitphilosophien« des 18. Jahrhunderts, die man mit Odo Marquard als »Avancement von Geschichtsphilosophie, philosophischer Anthropologie, philosophischer Ästhetik« bezeichnen kann. Gleichzeitig enthalten seine Gedankengänge eine anthropologische Argumentation, die deutlich den Einfluss des zukunftsweisenden medizinischen und naturwissenschaftlichen Diskurses seiner Zeit dokumentiert. |
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