Stiftung für Romantikforschung
Publikationen
Räume der Romantik
(Hrsg. von Inka Mülder-Bach und Gerhard Neumann)

Die Epoche der Romantik ist in Europa ein Zeitalter revolutionärer Umwälzungen der politischen und sozialen Systeme und tief greifender Umstrukturierungen der kulturellen Ordnung. Diese fundamentalen Transformationen sind in der Vergangenheit vorrangig in temporalen Kategorien beschrieben und als Elemente jener »Verzeitlichung« konzeptualisiert worden, die als Signatur der Moderne gilt. Doch so wie jede Beschreibung von temporalen Strukturen auf räumliche Semantiken angewiesen ist, so sind die Umstrukturierungen der historischen Zeit, der die »Sattelzeit« ihren Namen verdankt, unauflösbar mit neuen Raumerfahrungen und Raumkonzepten verknüpft. Geradezu insistierend wird in literarischen Texten der Romantik die Frage nach der Identität des Subjekts und dem Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit als Frage nach dem »Wo«, nach der Position oder dem Ort in Zeit und Raum formuliert. Denn was sich in temporaler Perspektive als Beschleunigung und Mobilisierung, als Entkoppelung von Tradition und Erwartung und als Umstellung auf Innovation und Zukunftsreferenz umschreiben lässt, wird »im Horizont« der Zeit auch und entscheidend als ein - um ein berühmtes Wort von Kleist abzuwandeln - vollständiger »Umsturz« der topographischen »Ordnung der Dinge« verhandelt, der zu euphorischen Erfahrungen der Erweiterung und Entgrenzung ebenso wie zu dysphorischen Zuständen der Dislozierung und Desorientierung führt.

Vor der Folie dieses Umsturzes werden all jene Momente der hierarchischen, perspektivischen und panoramatischen Raumgliederung in Frage gestellt, die gerade erst durch die Aufklärung vorschnell gesichert schienen. Immanenz und Transzendenz, Endlichkeit und Unendlichkeit, Peripherie und Zentrum, Oberfläche und Tiefe, Horizontalität und Vertikalität, Ruhe und Bewegung, Nähe und Ferne, oben und unten, innen und außen: diese vermeintlich stabilen Koordinaten werden in der Romantik nicht nur durch eine selbstbewußte Poetik und Ästhetik in Bewegung gebracht, sondern ebenso - und in engem Austausch mit Literatur und Kunst - durch die neuen Wissenschaften der Geographie und Geologie, durch verbesserte Verfahren der Vermessung und Kartographierung sowie durch Technologien der Kommunikation und des Verkehrs, die sich teils als Voraussetzung, teils als Folge der raumgreifenden kolonialen Expansionen, militärischen Eroberungen und wissenschaftlichen Expeditionen der Epoche herausbilden.


Inhalt:
Winfried Menninghaus: Raum-Chiffren der frühromantischen Philosophie. - Rudolf Behrens: Räumliche Dimensionen imaginativer Subjektkonstitution um 1800. - Aleida Assmann: Grenze und Horizont. Mythen des Transzendierens bei Emerson, Tennyson und Turner. - Inka Mülder-Bach: Tiefe: Zur Dimension der Romantik. - David E. Wellbery: Sinnraum und Raumsinn: Eine Anmerkung zur Erzählkunst von Brentano und Eichendorff. - Gerhard Neumann: Erotische Räume. Achim von Arnims Novelle »Die Majorats-Herren«. - Heide Volkening: Der helle Raum des Privaten. - Joseph Vogl: Der Weg der Farbe (Goethe) - Chenxi Tang: Poetologie der Kulturlandschaft bei Alexander von Humboldt und Friedrich Hölderlin. - Cornelia Zumbusch: Der Raum der Seele. Topographien des Unbewussten in Joseph von Eichendorffs »Eine Meerfahrt«. - Gabriele Brandstetter: »Geisterreich«. Räume des romantischen Balletts. - Wolfram Pichler: Goyas Tele-Graphie. - Ralph Ubl: Delacroix' Wärmeräume. - Martin von Koppenfels: Bauldelaires Batterien. Das elektrische Erhabene der »Fleurs du Mal«.