Stiftung für Romantikforschung
Publikationen
Walter Benjamin und die romantische Moderne
(Hrsg. von Heinz Brüggemann und Günter Oesterle)

Benjamins Auseinandersetzung mit der »romantischen Bewegung« befördert mit der wachsenden Einsicht in das Andere der Vernunft zugleich ein mimetisches Sprachdenken, kategorisch ausgerichtet gegen "die bürgerliche Auffassung der Sprache" und ihren konventionellen Zeichenbegriff und sich speisend aus den kratylischen Spekulationen Hamanns und der frühromantischen Sprachphilosophie. Die Überzeugung, dass die menschliche Sprache eine immaterielle, rein geistige und "magische Gemeinschaft mit den Dingen" unterhalte, eröffnet Benjamin den Zugang zum kindlichen Animismus und Sprechen, zu anthropologisch-materialistischen Experimenten, die das Wahrnehmen sphärenreicher und vielschichtiger machen, zur Sphäre des Traums, zur Flanerie und ihrem Rauschmittel Bild, zum subjektiven, halluzinativen Sehen und Bilderdenken des Surrealismus. Kurz: zu einem Denken im poetischen Medium, das die Sinngebilde aus Tradition und Kultur, Logik und Identität zum Spielmaterial einer dekomponierend gegen die alltägliche Sinnbehauptung der bürgerlichen Welt gerichteten Aleatorik und Kombinatorik macht.

Romantisch (aber ganz erheblich auch durch Nietzsche bestimmt) sind solche Konzepte und Motive auch noch und gerade in ihrer anthropologisch-materialistischen Erkundung eines erweiterten, von seiner Fundierung im mimetischen Vermögen noch nicht abgespaltenen und funktional vereinförmigten, sondern vielschichtigen, sphärenreichen und korrespondenzoffenen Wahrnehmens - einer Erkundung, die sich selber auch in einer poetischen Prosa artikuliert, deren metaphorische und intertextuelle Ausdruckspotentiale und Nuanciertheit Benjamin nicht allein in den Bild- und Raumerfindungen der Berliner Kindheit um neunzehnhundert (1932-1940) ausformt.

Die Grenzen solcher Referenzen auf die mystische und religiöse Tradition wie der Experimente mit einem anderen Wahrnehmen zieht Benjamin immer dort, wo diese kulturell, politisch, institutionell funktionalisiert werden. Das ist in Nietzsches Denkfigur des freien Geistes ebenso begründet wie in seinem politischen Unterscheidungsvermögen. So erhält in seiner Zeitdiagnose, sechs Jahre nach dem Dialog über die Religiosität der Gegenwart (1912), ein weiterer Aspekt der Romantik Geltung - und auch bei ihm geht es um die ungeschmälerte, wenn auch abgeleitete Präsenz der Romantik im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts -, der Aspekt des romantischen Katholizismus, der noch im Jochmann-Essay von 1939 als Jagd nach dem "falschen Reichtum" (II/2, 581) charakterisiert wird. Benjamin trägt in einem Brief an Scholem vom 30.3.1918 eine knappe Analyse der "neukatholischen Strömung" in der Kultur seiner Zeit vor, die besonders auch "intelligentere Juden ergriffen" habe. Er versteht sie "selbstverständlich" als "eine Äußerung der romantischen Bewegung", die ja "eine der stärksten Bewegungen der Gegenwart" sei und ebenso wie der "frühere romantische Katholizismus eine machtpolitische und eine ideenhafte Seite (Adam Müller - Friedrich Schlegel)" habe. Zur ersteren, unfruchtbar gebliebenen, zählt er u.a. Scheler, Franz Blei und Walter Rathenau, zur zweiten Leonhard Frank und Ludwig Rubiner. Daran lassen sich weitere Differenzierungen im Begriff der Romantik ablesen.

Inhalt:
H. Brüggemann / G. Oesterle: Einleitung - I. Querschnitte und Panoramen - S. Moses: Das Bild der Romantik im Spätwerk Walter Benjamins - I. Shedletzky: Romantisierte Aufklärung - aufgeklärte Romantik? Walter Benjamin im Kontext der deutsch-jüdischen Romantikrezeption (Mit einem Essay von Lea Goldberg) - U. Steiner: "Der revolutionäre Wunsch, das Reich Gottes zu realisieren..." Kunst, Religion und Politik in Walter Benjamins Kritik der Romantik - U. Steiner: "Der eigentliche Leser" Florens Christian Rang über Walter Benjamins Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik. Einleitung - F. C. Rang: Marginalien zu Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik und sein Brief vom 10.10.1920 - G. Oesterle: "Die Idee der Poesie ist die Prosa". Walter Benjamin entdeckt "einen völlig neuen Grund" romantischer "Kunstphilosophie" - R. Simon: Politiken des Romantischen (Benjamin, Schmitt) - II. Einzelwerke in romantischen Konzepten und Referenzen - B. Greiner: Das Trauerspiel-Buch. Benjamins Allegorisierung der Romantik - C. Kambas: Walter Benjamins "Die Aufgabe des Übersetzers und ihre Affinität zu Wilhelm von Humboldts Sprachtheorie" - B. Lindner: Versuch über Traumkitsch. Die blaue Blume im Land der Technik - V. Liska: Die Mortifikation der Kritik. Zum Nachleben von Walter Benjamins Wahlverwandtschaften-Essay - U. Landfester: "Die ganze entstellte Welt der Kindheit". Walter Benjamins Berliner Labyrinthe - H. Stenzel: Dekonstruktion der Sinnstiftung und geschichtsphilosophischer Pessimismus. Baudelaire und Blanqui als antiromantische Vordenker Benjamins - F. Rokem: Philosophie und Performance. Walter Benjamin und Bertolt Brecht im Gespräch über Franz Kafka - III. Themen und Motive - R. Borgards: Halbpart des Vergessens. Benjamin und Tieck - D. Kimmich: "Nur was uns anschaut sehen wir". Walter Benjamin und die Dinge - A. Honold: Saturn, Chiron und die Dioskuren. Walter Benjamins romantische Astronomie - H. Brüggemann: Walter Benjamins Projekt «Phantasie und Farbe» in romantischen Kontexten - L. Weissberg: Die Wiederkehr der Gespenster - IV. Philosophische Konstellationen - P. Fenves: Um Worte verlegen. Zu Benjamins gegenhistorischer Lektüre Hölderlins - A. Deuber-Mankowsky: Der schöne Schein und das Menschenopfer. Zu Benjamins Kritik an Hermann Cohens Ästhetik des reinen Gefühls - G. Motzkin: Das Dilemma einer säkularen Philosophie der Geschichtswissenschaft. Gedanken über Benjamins Thesen zum Konzept der Geschichte - C. Schmidt: Ironie und Kenosis. Von Kierkegaards zu Schmitts Kritik der romantischen Ironie - V. Erinnerung - H. Brüggemann: Einleitung zu Otto Dov Kulka Landschaften der Metropole des Todes - O. Dov Kulka: In Search of History and Memory. Landschaften der Metropole des Todes (Auszüge)