Stiftung für Romantikforschung
Publikationen
Heinrich Heine. Ein Wegbereiter der Moderne
(Hrsg. von Paolo Chiarini und Walter Hinderer)

Inhalt:
In dem überstrapazierten Begriff der Moderne steckt einerseits schon der Gegenbegriff, von dem er sich prononciert absetzt, andererseits signalisiert er einen historischen Paradigmawechsel, markiert er eine entscheidende Veränderung, eine Umbruchsituation. Bis hin in die Romantik hält sich bekanntlich das bis ins 5. Jahrhundert zurückreichende antithetische Begriffspaar von Antike und Moderne. Noch der Naturalist Arno Holz wird schlagwortartig formulieren: "Unsere Welt ist nicht mehr klassisch, / Unsre Welt ist nicht romantisch, / Unsre Welt ist nur modern". Für Hans Robert Jauß hat sich das "Bewußtsein der Modernität, das sich im 19. Jahrhundert vom Weltverständnis der Romantik ablöst", in der Erfahrung niedergeschlagen, "wie schnell das Romantische von heute als Romantisches von gestern selbst wieder klassisch erscheinen kann", womit die historische Antithese von Altem und Neuem, Antikem und Modernem in der Tat ihre Geltung verliert.
Im Zusammenhang mit Heinrich Heine lässt sich insofern eine Veränderung der semantischen Besetzung des Begriffes beobachten, als der traditionelle Gegensatz "in die neue Antithese des Modernen zum Romantischen" umschlägt. Obwohl sich zwischen Schillers "sentimentalischer Operation", 'Novalis' Operation des Romantisierens, Friedrich Schlegels "progressiver Universalpoesie" und der Auffassung einer "Kunst des Unendlichen" noch deutlich Beziehungen sistieren lassen, so zeigen Heines Prosaschriften eindeutig "eine neue Schreibart", die, wie Wolfgang Preisendanz es auf den Punkt bringt, "ein eigenartiges Verhältnis von Welthaltigkeit und Subjektivität als unabdingbares Prinzip erkennen lässt". Dabei übernimmt Heine, der angebliche "romantique dàfroqué", sowohl in der Lyrik als auch in der Prosa vorgegebene Schreibtechniken der Romantik, die er aber verändert und auf politische, soziale, ökonomische und historische Prozesse überträgt oder genauer: zu deren Veranschaulichung und Erkenntnis einsetzt.
Von Heines Poetik und Ästhetik, seinen innovativen Schreibweisen in Lyrik, Prosa und Dramatik bis hin zu den verschiedenen Textsorten, die er so exemplarisch untereinander und miteinander zu verbinden wusste, seien es Rezensionen, größere Abhandlungen, Reisebilder, journalistische Arbeiten, Erinnerungsfragmente oder Gedankensplitter, überall lassen sich Neuansätze orten. Es ließe sich auch fragen, inwieweit sich Heines Konzepte der Moderne von denen Schillers, der Romantiker und Hegels unterscheiden. Hatte der Hegelschüler Heine auf ähnliche Weise wie der schwäbische Philosoph "die Entzweiung der Moderne auf den Begriff gebracht" und die "Dialektik der Aufklärung" beschworen, um hier Formulierungen von Jürgen Habermas aus seinem Diskurs der Moderne aufzugreifen, oder trieb er vor Nietzsche das "Zeitbewußtsein" in den "subjektivsten Ausdrucksformen" dergestalt auf die Spitze, daß sich in dem Medium Kunst bereits "die Moderne mit dem Archaischen" zu berühren begann. Heine hat nicht umsonst darüber reflektiert , wie es dazu kommt, "dass zu gewissen Zeiten sich gewisse Ideen so gewaltig geltend machen, daß sie das ganze Leben der Menschen, ihr Tichten und Trachten, ihr Denken und Schreiben, aufs wunderbarste umgestalten", und gemeint, es sei "vielleicht an der Zeit eine literarische Astrologie zu schreiben und die Erscheinung gewisser Ideen, oder gewisser Bücher worin diese sich offenbaren, aus der Konstellation der Gestirne zu erklären". Man könnte dieses Projekt mit Heinescher Ironie als eine kosmische Interpretation der Moderne bezeichnen, oder genauer: als eine irdische Umschrift einer höheren Konstellation, mag sie nun als Welt- oder Zeit-Geist, ein "wahrer", sich "entfremdeter" oder "sich seiner selbst gewisser Geist" bezeichnet werden.

Paolo Chiarini / Walter Hinderer: Vorwort - P. U. Hohendahl: Schwelle und Übergang: Heinrich Heines Position in der modernen europäischen Literatur - P. Chiarini: irocinio letterario e romanticismo critico-sociale. Heine e il saggio giovanile Die Romantik (1820) - G. Höhn: Kontrastästhetik. Heines Programm einer neuen Schreibart - G. Oesterle: Der kühne Wechsel von Volksliedton und Konversationston in Heines Buch der Lieder - T. Dembeck: "Untote Buchstaben": Heinrich Heine, die romantische Schule und die Entdeckung des Populären - D. von Wietersheim: Getanzte Chiffren und pantomimisches Vexierspiel. Zu Heines Florentinische Nächte - A. Staskovà: Heinrich Heines Reflexion der Todesdarstellung und die moralistische Tradition: Morphine - F. Cambi: La poetica del discontinuo negli scritti autobiografici di Heine: fra memoria, cronaca e confessione - M. Rispoli: Le persone e le cose. Heine e la sfera pubblica borghese - L. Zagari: La Pomare di Heine e la crisi del linguaggio «lirico» - S. Moses: Überlegungen zur Poetik des Witzes - P. Chiarini: Heinrich Heine versus Ludwig Börne. Tattica e strategia della rivoluzione tedesca - A. Destro: La religiosità di Heine - moderna? - S. Corrado: Dal dio-natura al Dio individuo: la fine del paganesimo in Heine - W. Frick: "... ich armer Exgott": Idealismuskritik und Modernitätsbewusstsein beim späten Heine - E. M. de Mazza: Die fehlende Hauptsache. Exekutionen der Julimonarchie in Heines Lutezia - G. Neumann: An die Mouche. Zu Heines "neuer Schreibart" des Erotischen - L. Secci: Vitzliputzli di Heinrich Heine e Der weiße Heiland di Gerhart Hauptmann - M. C. Foi: Hannah Arendt legge Heine